Eine Mutter umarmt ihr Kind empathisch durch eine Umarmung nach dem Wutanfall.
Wie du in 5 Schritten dein Kleinkind empathisch durch den Wutanfall begleitest

Ein ständiger Begleiter durch die Autonomiephase ist der Wutanfall. Für uns scheinbare Kleinigkeiten bringen das Kleinkind total aus dem Gleichgewicht.

Dein Kind kann sich nicht selber die Schuhe binden, es kann den Pullover nicht alleine anziehen, es kann die Butter nicht auf der Brotschnitte verteilen…

Solche Situationen bringen dein Kind zum Ausrasten. Was für Gedanken gehen uns dabei durch den Kopf? Sehen wir ein Kind, das versucht uns zu manipulieren, ein Kind, dass es eigentlich schon besser könnte? Oder sehen wir ein Kind, das gerade in Not ist und völlig überfordert ist mit der Situation? Unsere Sicht auf das Kleinkind ist entscheidend und beeinflusst unser Handeln und wie wir unser Kind durch die Wut begleiten.

Was passiert beim Wutanfall mit deinem Kleinkind?

Das Kleinkind hat in seinem Innern eine klare Vorstellung, einen Plan. Sie sind in ihrer Zielplanung noch sehr starr und wollen das Gewünschte genau so umsetzen und das JETZT. Plötzlich geht dieser Plan nicht auf und es kommt anders. Das ist für das Kind eine Stresssituation. Es hat noch keine anderen Handlungsalternativen. Es kann nicht so schnell umstellen.

Heftige Emotionen überwältigen es. Es gerät in eine innere Not und ist völlig verzweifelt. Das kann sich ganz verschieden zeigen z.b. durch lautes Weinen, Schreien oder Schlagen. Es macht gerade kein Theater, es ist keine Dramaqueen. Nein, für das Kind ist das eine echte Krise, ein innerer Systemzusammenbruch. Von der Heftigkeit der Gefühle ist dein Kind völlig überfordert. Es kann gerade nicht anders.

Die Bewältigung von Stresssituationen ist ein sehr komplexer Prozess, den wir bis ins Erwachsenenalter hinein immer wieder üben müssen.

Diese Wutanfälle sind für unser Kleinkind und auch für uns Eltern eine grosse Herausforderung. Gleichzeitig ist es auch ein gemeinsames Lernfeld. Hier können wir lernen, wie wir mit Konflikten umgehen wollen. Ebenso könne wir Strategien lernen, wie wir konstruktiv mit der Wut umgehen und uns wieder beruhigen können. Es ist eine Gelegenheit gemeinsam auf eine Entdeckungsreise zu gehen. Einander besser kennenzulernen. Was ist mir wichtig? Was ist meinem Kind wichtig? Dabei können wir miteinander wachsen. Hier meine 5 Schritte, wie du dein Kind bindungs- und beziehungsorientiert durch den Wutanfall begleitest.

In 5 Schritten durch den Wutanfall mit deinem Kleinkind

  1. Beruhige dich selber: Dein Kind kann sich in diesem Moment (noch) nicht selber beruhigen. Es ist auf deine Begleitung und deine Co-Regulation angewiesen. Was brauchst du gerade? Was hilft dir innerlich ruhig zu bleiben? Wie kannst du dich innerlich abgrenzen? Es ist der Wutanfall deines Kindes. Es ist die Wut deines Kindes. Wichtig: Dein Kind ist nicht gegen dich.
  2. Bleib bei deinem Kind: Dein Kind ist gerade total mit der Situation überfordert. Die Gefühle sind überwältigend. Für dein Kind fühlt es sich wie ein totaler Nervenzusammenbruch an. Dein Kind braucht dich gerade. Worte können schon zu viel sein. Du kannst mit deiner ruhigen Präsenz und einer offenen, empathischen Haltung deinem Kind schon viel Sicherheit geben. Du kannst mit deiner inneren Haltung zeigen: Ich bin da, ich versteh dich.
  3. Schütze dich, dein Kind und andere Kinder: Wutanfälle können sehr heftig sein. Sie sind oft begleitet von Schreien, Schlagen, Sachen herumwerfen. Das ist ganz normal. Die Wut muss raus. Dein Kind darf noch bessere Strategien lernen mit der Wut umzugehen. Nicht jetzt. In dieser Situation ist wichtig, dass sich niemand verletzt. So schütze dich, dein Kind und andere Kinder.
  4. Benenne die Gefühle deines Kindes: Wenn dein Kind sich etwas beruhigt hat, gib deinem Kind Worte, für das gerade Erlebte. Versuche herauszufinden, was für Gefühle dein Kind gerade hat. Z. B. Ich sehe, du bist wütend. Du findest es doof, dass du deine Socken nicht alleine anziehen konntest. Ich verstehe das.
  5. Biete Körperkontakt an: Eine Umarmung kann so wohltuend sein. Schau, ob dein Kind gerade Körperkontakt mag. Manchen Kindern hilft das sehr. Andere Kinder mögen das gar nicht. Es gibt auch Kinder die brauchen etwas Raum für sich. Da ist es hilfreich auf Abstand zu gehen und etwas in einem anderen Zimmer zu machen. Sag deinem Kind, dass es kommen darf, wenn es soweit ist.

Der Schlüssel im Wutanfall deines Kleinkindes bist du

Dein Kind findet nicht alleine heraus aus dem Wutanfall. Es braucht deine feinfühlige Begleitung. Schimpfen, drohen, Strafen oder dem Kind eine Auszeit geben ist nicht hilfreich und vergrössert seine Not und seinen Stress. Wenn dein Kind in Not ist, kann es nicht lernen. Daher ist es besser später nochmals in Ruhe über die Situation zu reden. Dann können wir über alternative Handlungsstrategien diskutieren.

Dabei ist es wichtig, dass wir Geduld mit unseren Kindern haben. Es wird nicht sofort neue Strategien umsetzen können, das kann noch eine Weile dauern. Die Entwicklung der Impulskontrolle und die emotionale Entwicklung brauchen Zeit. Viel mehr Zeit, als wir denken und uns wünschen würden. Das grösste Geschenk, dass wir dabei unseren Kindern machen können ist, wenn wir sie verstehen und selber ruhig bleiben können. Wie schön ist es auch für uns, wenn wir wütend sind, jemanden zu haben, der uns versteht und einfach für uns da ist!

 

4 Comments

  1. Silke

    Liebe Jasmine,
    dein Artikel spricht mir so aus dem Herzen – vielen Dank dafür! Meine Tochter ist zwar kein Kleinkind mehr, aber ich erinnere mich so gut an Menschen, die meinten, Kinder wollen uns manipulieren und simulieren das Drama. Ich wusste immer, dass das nicht sein kann, und du hast es so schlicht und schlüssig in Worte gefasst. Toll!
    Liebe Grüße, Silke

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    • Jasmine Müller

      Danke für deinen Kommentar, liebe Silke. Ja es ist mir ein Herzensanliegen bei diesem Thema aufzuklären. Wie schön, dass du diese innere Überzeugung hattest. Liebe Grüsse Jasmine

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  2. Iris Weinmann

    Liebe Jasmine, ein wundervoller Artikel. Deine Texte hätte ich vor ein paar Jahren sehr gut gebrauchen können, um mir noch mehr Sicherheit zu geben in solchen Situationen. Vielen Dank dafür. Liebe Grüße Iris

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    • Jasmine Müller

      Liebe Iris, vielen Dank für dein Feedback. Es freut mich sehr, dass mein Artikel dir gefällt! Ich hoffe, ich kann damit Eltern mit Kleinkindern bestärken, ihr Kind wertschätzend zu begleiten. Liebe Grüsse Jasmine

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Hey, ich bin Jasmine

Ich begleite Eltern mit Kleinkindern durch die Stürme der Autonomiephase. Weg vom Machtkampf hin zu mehr Leichtigkeit.

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